#spurensuche
Ein Provenienzspaziergang durch Berlin

Staatsbibliothek
Unter den Linden 8
Akademie der Künste, Berlin
Pariser Platz 4
Bücherverbrennung am 10. Mai 1933
Opernplatz (Bebelplatz)
Verteilstelle des Auswärtigen Amts im Kaiser-Friedrich-Museum
Bode-Museum, Am Kupfergraben 1
Stolperstein Dr. Philipp Lederer
Am Kupfergraben 4
„Liegender Löwe“ von August Gaul
James-Simon Galerie
Zeughaus
Deutsches Auslands-wissenschaftliches Institut
Bauakademie, Schinkelplatz 6
Berliner Schloss
Schlossplatz
Alte Reichsbank / Reichsbank-Erweiterungsbau
Kurstraße 51-36
Ratsbibliothek / Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken
Ermelerhaus, Breite Straße 11
Berliner Stadtbibliothek / Marstallgebäude
Breite Straße 36
Institut für Sexualwissenschaft
Villa Joachim, In den Zelten 10
Städtische Pfandleihanstalt
Lagerhaus
Elsässer Straße 74 (Torstraße 164)
Städtische Pfandleihanstalt
Jägerstraße 64
Märkisches Museum
Am Köllnischen Park 4
Stadtplan 1936: „Bummel durch Berlin und ringsherum. Vogelschauplan der BZ am Mittag“, Zeichnung: Rudolf Seeland, Foto: Staatsbibliothek zu Berlin – PK (mit freundlicher Genehmigung der Ullstein GmbH / Axel Springer Syndication)
Programm am 8. April 2026
Zum internationalen Tag der Provenienzforschung 2026 werden vier Provenienzspaziergänge angeboten. Dabei geben Provenienzforscher:innen aus insgesamt acht Institutionen vor Ort Einblicke in ihre Arbeit.
Stationen des Provenienzspaziergangs
Berlin Mitte
Unter den Linden 8
Staatsbibliothek

Die Staatsbibliothek als führende deutsche Bibliothek war in der NS-Zeit eine zentrale Verteilerinstitution für geraubte Bücher. Ihrem Generaldirektor unterstand seit 1933 auch die Reichstauschstelle. Nach 1945 wurden im Gebäude Unter den Linden wegen der eigenen Verluste vermehrt geraubte Bücher aus „herrenlosen“ und unbearbeiteten Buchbeständen eingearbeitet. Die Reichstauschstelle, seit 1941 mit dem Beschaffungsamt der Deutschen Bibliotheken zu einer Reichsbehörde vereinigt, war mit ihren bis zu 50 Beschäftigten teilweise im Marstallgebäude beim Schloss untergebracht. Mit der Aufgabe betraut, die durch Kriegseinwirkung zerstörten Bestände der deutschen Bibliotheken zu ersetzen, kaufte die Reichstauschstelle Privatbibliotheken, antiquarische und verlagsneue Literatur im Deutschen Reich und in den von Deutschland besetzten Gebieten. Allerdings bemühte sie sich auch um beschlagnahmte Buchbestände von Verfolgten des Nationalsozialismus.
Pariser Platz 4
Akademie der Künste, Berlin
Im Jahr 1907 erhielt die Königliche Akademie der Künste zu Berlin im umgebauten Palais Arnim am Pariser Platz ihren neuen Sitz. An diesem Standort wurden Gemälde, Skulpturen sowie ausgewählte Zeichnungen der Kunstsammlung, das Archiv und die sogenannte Präsidialbibliothek aufbewahrt. Unter der Präsidentschaft Max Liebermanns in der Weimarer Republik entwickelte sich die nunmehr Preußische Akademie der Künste zu Berlin zu einem Ort der Auseinandersetzung um die Moderne. Den Nationalsozialisten passte sich die Akademie ab 1933 jedoch ohne nennenswerten Widerstand an. Bis 1938 wurden 41 Mitglieder aus politischen oder antisemitischen Gründen ausgeschlossen oder verließen die Akademie. Diese musste das Haus 1937 auf Anordnung Adolf Hitlers für die Generalbauinspektion Albert Speers räumen. Speer projektierte unweit der Reichskanzlei den Umbau Berlins zur Welthauptstadt „Germania“. Die Akademie zog im März 1938 in das Kronprinzenpalais. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude am Pariser Platz weitgehend zerstört. Lediglich ein Seitenflügel konnte ab 1950 von der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin genutzt werden, in den historischen Sälen gab es Meisterschülerwerkstätten und ein Atelier für den Bildhauer Fritz Cremer. Im Jahr 1993 wurden die bis dahin parallel in beiden Teilen Berlins existierenden Künstlersozietäten zusammengeführt. Als 2005 der Bund die Trägerschaft über die Akademie der Künste, Berlin, übernahm, konnte diese in den von Günter Behnisch konzipierten Neubau am historischen Ort zurückkehren. Dort befindet sich – neben dem Präsidialbereich, den Programmbüros, den Sektionen, der Kommunikationsabteilung, dem Baukunstarchiv sowie Veranstaltungs- und Ausstellungsälen – auch der Hauptstandort der Bibliothek.Opernplatz (Bebelplatz)
Bücherverbrennung am 10. Mai 1933
Am 10. Mai 1933 und damit etwa drei Monate nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurden auf dem Opernplatz – zunächst als studentische Aktion – Bücher ideologisch unerwünschter Autorinnen und Autoren zusammengetragen und vor großem Publikum verbrannt. Darunter befand sich ein Großteil der zuvor geplünderten Bibliothek des Instituts für Sexualwissenschaft. Viele weitere Bücherverbrennungen fanden anschließend in anderen deutschen Städten statt. Die Bücherverbrennungen waren der Beginn weiterer repressiver Maßnahmen für Autorinnen und Autoren und das literarische Leben in der NS-Zeit. Schwarze Listen mit Werken marxistischer, jüdischer und liberaler Schriftstellerinnen und Schriftsteller dienten als Grundlage für die „Säuberung“ von Bibliotheken und Buchhandlungen, Schriftstellerorganisationen wurden verboten oder gleichgeschaltet. Es folgten Berufsverbote, Flucht und Exil oder Verfolgung, Haft, Folter, Deportation und Ermordung.Am Kupfergraben 1
Die Verteilstelle des Auswärtigen Amts im Kaiser-Friedrich-Museum

Wegen der drohenden Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg wurden die Museumsbestände des Kaiser-Friedrich-Museums auf der Museumsinsel – heute Bode-Museum – großenteils ausgelagert. In die leeren Museumsräume zogen Ende 1940 zwei Dienststellen des Auswärtigen Amts ein, die maßgeblich in den Kulturgutraub in Ost- und Westeuropa involviert waren: die Informationsstelle (wohl eine Unterabteilung der Archivkommission) und der Geographische Dienst. Hauptsächlich befassten sie sich mit der Sichtung von „Beuteakten“. Sie verteilten jedoch auch Bücher, die zusammen mit den Akten beim Vormarsch der deutschen Truppen vom Sonderkommando Künsberg aus den Bibliotheken der ausländischen Regierungsbehörden geraubt bzw. von den Auslandsvertretungen des Deutschen Reichs eingezogen worden waren. Zu den Interessenten für diese, zumeist nicht deutschsprachige Literatur gehörte u.a. die Universitätsbibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität. Über den Zeitraum von mehreren Jahren hatte sie einen ihrer Mitarbeiter zum Übersetzen von geraubten Akten an das Auswärtige Amt abordnen müssen. So ergab es sich, dass dieser an Ort und Stelle die Auswahl der Bücher für „seine“ Bibliothek beeinflussen konnte. Davon sind im Jacob-und-Wilhelm-Zentrum heute noch ca. 150 Bände vorhanden.
Am Kupfergraben 4
Stolperstein für Dr. Philipp Lederer

Der aus Bamberg stammende Klassische Altertumswissenschaftler und Numismatiker Philipp Lederer (1872–1944) zog nach seiner Promotion in München und dortigen Tätigkeit in der Münzhandlung eines Verwandten 1910 nach Berlin. Dort, im Vorgängergebäude des heutigen Hauses „Am Kupfergraben 4“, wohnte und handelte er jahrzehntelang mit Antiken und Münzen, schräg gegenüber des Bode-Museums (damals Kaiser-Friedrich-Museum). Dem dort beheimateten Münzkabinett war er besonders verbunden, aber er verkaufte auch viele Objekte an andere Sammlungen der Staatlichen Museen. Aufgrund antisemitischer Verfolgung in der Zeit des Nationalsozialismus floh er 1938 in die Schweiz, wo er 1944 starb. Seit kurzem (2. Dezember 2025) erinnert ein Stolperstein an Philipp Lederer vor seinem langjährigen Berliner Lebensmittelpunkt.
James-Simon-Galerie
"Liegender Löwe" von August Gaul

Die Skulptur von August Gaul gehörte einst zur Kunstsammlung des deutsch-jüdischen Verlegers Rudolf Mosse (1843–1920) und befand sich in der Eingangshalle seines Palais in der Voßstraße. Ab 1871 erschien in Mosses Verlag auch das Berliner Tageblatt, bis 1933 die größte liberale Tageszeitung in Deutschland. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 gerieten das jüdische Verlagshaus und die Erben von Rudolf Mosse unter enormen politischen Druck. Der Familie gelang die Emigration ins Ausland, aber ihr gesamtes privates Vermögen und die Immobilien wurden beschlagnahmt, die Kunstsammlung und die mehr als 10.000 Bände umfassende Bibliothek zu großen Teilen versteigert, der Verlag »arisiert«. Der Löwe blieb bis zum Ende des Krieges in der Voßstraße, bis er im Garten des ruinösen Grundstücks entdeckt und auf die Museumsinsel gebracht wurde.
Zeughaus
Zeughaus

Das Zeughaus wurde unter Kurfürst Friedrich III. von Brandenburg ab 1695 als Waffenarsenal erbaut. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde das Haus zur Ruhmeshalle der brandenburgisch-preußischen Armee umgebaut und im Zeughaus ein Artilleriemuseum eingerichtet. Von den Nationalsozialisten als Heeresmuseum genutzt, wurde der Bau in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt. Die Sammlungen, die auch eine Bibliothek umfassten, wurden zu großen Teilen zerstreut. Nach 1945 waren ca. 6.800 Bände der Bibliothek im Zeughaus verblieben. Zunächst wurde die nationalsozialistische Literatur ausgesondert und an die Öffentliche Wissenschaftliche Bibliothek, eine Vorgängerinstitution der Staatsbibliothek abgegeben. Die Restbestände wurden 1948 mit der Auflösung des Zeughauses aufgeteilt und abgegeben. Als 1952 das Museum für Deutsche Geschichte gegründet wurde, erließ das Staatssekretariat für Hochschulwesen am 24. Juni 1953 eine „Anordnung über die Erfassung der Bestände des ehemaligen Zeughauses zu Berlin“, die alle Gegenstände des ehemaligen Zeughauses dem neugegründeten Museum überwies. Heute ist das Zeughaus das älteste Gebäude Unter den Linden und Sitz der Stiftung Deutsches Historisches Museum. Die öffentlich zugängliche Bibliothek befindet sich (nun) im benachbarten Verwaltungsgebäude mit dem Zugang über die Straße Hinter dem Gießhaus. Ihr historischer Lesesaal, eine ehemalige Bankschalterhalle, zeigt sich noch im originalen Zustand des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Bauakademie, Schinkelplatz 6
Deutsches Auslandswissenschaftliches Institut

Das 1940 aus mehreren Institutionen zusammengeführte Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut (DAWI) diente während der NS-Zeit als Forschungsinstitut und Dokumentationszentrum der eng verflochtenen und personell nahezu identischen Auslandswissenschaftlichen Fakultät. Institut und Fakultät erfüllten explizit politische Aufgaben. Leiter bzw. Präsident des DAWI und gleichzeitig Dekan der Fakultät war der Organisator der „weltanschaulichen Gegnerforschung“ des SD Franz Alfred Six. Die Ergebnisse der Provenienzforschung belegen, dass in größerem Umfang geraubte und beschlagnahmte Buchbestände an das DAWI und seine Untergliederungen gelangten. Die bearbeiteten Bestände weisen fast durchgehend sorgfältig getilgte Provenienzmerkmale auf, d.h. Stempel wurden getilgt, meist geschwärzt. Die Akten belegen – offenbar umfangreiche – Buchgeschenke der Zentralbibliothek des Reichssicherheitshauptamtes sowie Akquisitionsreisen der Abteilungs-/Institutsleiter in besetzte Gebiete. In den Akten der Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken findet sich unter der Auftrags-Nr. 153 der Bericht zur Bergungsaktion in den Kellerräumen des Hauses Schinkelplatz 6 (Oktober 1945 bis Februar 1946). In diesem Gebäude, der ehemaligen Schinkel’schen Bauakademie, befand sich die Zentralbibliothek des DAWI. Die in den Kellerräumen teilweise unter Schutt aufgefundenen und dann in zwei Etappen geborgenen Bestände von ca. 15.000 Bänden werden als „Teilbibliothek des Seminars für Orientalische Sprachen“ bezeichnet, vermutlich unbearbeitete Bestände der Zentralbibliothek.
Schlossplatz
Berliner Schloss

1443 legte Kurfürst Friedrich II. hier den Grundstein für das Berliner Schloss – ein Ort, der über die Jahrhunderte zum Zentrum von Herrschaft und Macht der Hohenzollern in Brandenburg-Preußen und des Deutschen Kaiserreiches wurde. Vom 17. bis zum 19. Jahrhundert beherbergte das Berliner Schloss auch die Kunstkammer der brandenburgisch-preußischen Herrscher. Schon damals wurden globale Kunst- und Kulturgüter ‚gesammelt‘. Vor dem Hintergrund des europäischen Imperialismus erreichte die Aneignung außereuropäischer Sammlungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts gigantische Ausmaße. Dies führte 1873 zum Beschluss der Gründung eines eigenständigen ethnologischen Museums, das 1886 unter dem Namen Königliches Museum für Völkerkunde in der Königgrätzerstraße (heute Stresemannstraße) eröffnete. Anstelle des Schlosses stand zwischen 1976 und 2006 der Palast der Republik der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Nach Beschluss im Deutschen Bundestag im Jahr 2002 begann die Teilkonstruktion des Berliner Schlosses als Humboldt Forum, das 2023 eröffnet wurde. Hier befinden sich heute die Ausstellungsflächen des Ethnologischen Museums, des Museums für Asiatische Kunst, des Stadtmuseums Berlin, der Humboldt-Universität und der Stiftung Humboldt Forum. Neben dem Umgang mit kolonialem Raubgut ist die christlich-monarchische Architektur Gegenstand kontroverser Diskussionen um die Rekonstruktion des Berliner Schlosses. In diesem Spannungsfeld bleibt das Humboldt Forum ein umstrittener Ort der Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit und deren heutigen Vermächtnisse.
Kurstraße 51-36
Alte Reichsbank und Reichsbankerweiterungsbau

Seit 1876 ließ die von Friedrich Hitzig entworfene neue prachtvolle Fassade aus gemusterten Rohziegelflächen der Kaiserlichen Deutschen Reichsbank das Bankenareal zwischen Jägerstraße und Oberwallstraße erstrahlen. Die Reichsbank verband das Konfektionsviertel rund um den Hausvogteiplatz mit dem einstigen mittelalterlichen Berliner Stadtkern nahe des Stadtschlosses. Der gegenüber der Reichsbank liegende Reichsbankerweiterungsbau (heute Kurstraße 36/51) wurde als erstes nationalsozialistisches Großprojekt von 1934 bis 1940 nach Entwürfen des Architekten und Reichsbankbaudirektors Heinrich Wolff realisiert. Das moderne Gebäude war unterirdisch und im ersten Stock durch einen Verbindungsgang mit dem Altbau verbunden. Der Errichtung des damals revolutionären Stahlskelettbaus ging 1933/34 der Abriss eines gesamten historischen Wohnviertels voraus: dem Friedrichswerder. Geprägt von zwei- bis vierstöckigen Häusern des 17. bis 19. Jahrhunderts mit Wohnungen, Fuhrwirtschaften, Läden und Industrie – darunter die berühmte Münze von Friedrich August Stüler und das ebenfalls von Stüler ausgestaltete Haus des Kaufmanns Johann Heinrich Weydinger – verschwand ein lebendiges Viertel zugunsten einer Großbaustelle zwischen Spreekanal und Kurstraße. Der Erweiterungsbau diente als Verwaltungs- und Tresortrakt der Reichsbank und verfügte über mehrgeschossige Tiefkeller. Während des Zweiten Weltkriegs lagerten die Staatlichen Museen und das Märkische Museum hier Teile ihrer Sammlungen zum Schutz vor Luftangriffen ein. Nach Kriegsende befand sich die Mitte Berlins in der sowjetischen Besatzungszone: Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) übernahm von der Kurstraße aus das Kommando, ehe ihr Hauptsitz nach Karlshorst verlegt wurde. Im Reichsbankerweiterungsbau kamen nun das Stadtkontor – die neue städtische Bank Berlins – und das Ministerium der Finanzen unter. Nach Gründung der DDR im Herbst 1949 avancierte das Gebäude durch den Einzug des Zentralkomitees der SED mit seinem Politbüro ab 1959 zum politischen Machtzentrum. Die Alte Reichsbank wurde in Folge von Kriegsschäden in den 1950er Jahren abgerissen.
Ermelerhaus, Breite Straße 11
Ratsbibliothek / Bergungsstelle

Von Juli 1945 bis Februar 1946 übernahm die Bergungsstelle für wissenschaftliche Bibliotheken komplette Sammlungen sowie durch Auslagerung und Kriegseinwirkung verstreute Buchbestände, die oft keinerlei Bestandszusammenhänge mehr hatten. Auch vollständig geborgene Sammlungen wurden meist aufgeteilt und an unterschiedliche Institutionen abgegeben. Bücher einer Provenienz wurden so auch nach 1945 weiter verstreut, Sammlungen aufgelöst und neu zusammengestellt. Unter den verteilten Büchern befand sich NS-Raubgut und kriegsbedingt verbrachtes Kulturgut aus den Beständen von NS-Organisationen oder mit diesen in Verbindung stehenden Einrichtungen. Geborgene Buchbestände wurden oft in Teilen der Ratsbibliothek zugewiesen und ins Ermelerhaus (Breite Straße 11) gegenüber vom Marstallgebäude gebracht. Viele Kunstwerke aus dem Bergungsgut erhielt das nahegelegene Märkische Museum überwiesen. Auch die Bücher aus der Bergungsaktion 153 in den Kellerräumen des Hauses Schinkelplatz 6 wurden zunächst ins Ermelerhaus transportiert. Nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg war im Ermelerhaus, einem nach dem Tabakfabrikanten Wilhelm Ferdinand Ermeler benannten Patrizierhaus, die Magistrats- bzw. Ratsbibliothek untergebracht, dazwischen diente es als Ausstellungsgebäude des Märkischen Museums. Nachdem die Kriegsschäden am historischen Palais Ermelerhaus saniert waren, entschied sich die DDR-Regierung 1967/1968, trotz Protesten von Denkmalschützern und Museumsleuten, das Haus abreißen zu lassen und als historische Rekonstruktion an einen neuen Ort zu versetzen: Seitdem steht es am Märkischen Ufer 10.
Breite Straße 30-36
Berliner Stadtbibliothek / Marstallgebäude

Die Berliner Stadtbibliothek, die heute zur Zentral- und Landesbibliothek Berlin gehört, wurde 1901 gegründet. In der NS-Zeit gelangten ca. 40.000 Bücher von NS-Raubgut in ihren Bestand. Diese Bücher stammten aus den Wohnungen von deportierten Jüdinnen und Juden. Der Ankauf der Bestände fand 1943 über die städtische Pfandleihanstalt Berlin statt. In der Nachkriegszeit gelangten viele Objekte der Bergungsstelle in die Berliner Stadtbibliothek. Die im Krieg dezimierten Bestände sollten mit „herrenlosen“ Büchern aufgefüllt werden. Dadurch und durch die Übernahme weiterer Bibliotheksbestände, wie der Ratsbibliothek und der Altbestände der Volksbibliotheken, gelangte zahlreiches NS-Raubgut in den heutigen Bestand der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.
Wilhelmstraße / Prinz Albrecht Straße
Reichssicherheitshauptamt / Gestapo-Zentrale

Mit dem Gebäudekomplex Wilhelmstraße / Prinz-Albrecht-Straße (heute: Niederkirchnerstraße) entstand ab 1933 ein entscheidendes Machtzentrum des NS-Regimes. Auf dem „Prinz-Albrecht-Gelände“ befand sich das Geheime Staatspolizeiamt (ehem. Kunstgewerbeschule /Kunstbibliothek, heute: Topographie des Terrors). Der Führungsstab des Reichsführers SS Heinrich Himmler zog in das Gebäude des ehemaligen Hotels „Prinz Albrecht“ in der Prinz-Albrecht-Str. 9. Der SS-Sicherheitsdienst, der ab 1939 zusammen mit der Sicherheitspolizei das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) bildete, bezog das in unmittelbarer Nachbarschaft befindliche Prinz-Albrecht-Palais in der Wilhelmstraße 102. Für die sogenannten Gegnerbibliotheken (Judentum, Freimaurerei, Kommunismus etc.) haben diese NS-Organisationen Millionen von Büchern geraubt, gehortet, umsortiert, zu Bruchteilen erfasst und weiter verteilt – und dabei viele mühevoll zusammengetragene Bibliotheken und Sammlungen fragmentiert und zerstört. Die geraubten Bücher wurden in zahlreichen Depots und Sammelstellen gelagert, u.a. im beschlagnahmten Logengebäude in der Eisenacher Straße 11-13 in Schöneberg.
Lindenstraße 14
Kollegienhaus

Das ehemalige Kollegienhaus in der Lindenstraße 14 in Berlin-Kreuzberg ist das letzte erhaltene Barockpalais in der historischen Friedrichstadt. Es wurde 1735 erbaut und diente zuerst als Kollegienhaus der königlichen Justizverwaltung. Von 1879 bis 1913 war es Sitz des Kammergerichts. Im Zweiten Weltkrieg wurde es weitgehend zerstört und erst in den 1960er Jahren wiedererrichtet. Darin untergebracht war zunächst das stadtgeschichtliche Museum für West-Berlin, das Berlin Museum. Dreißig Jahre später wurde das Gebäude erneut umgebaut und erweitert, diesmal durch den Architekten Daniel Libeskind, und beherbergt seit 2001 das Jüdische Museum Berlin. Hervorgegangen ist das Museum aus der ehemaligen Jüdischen Abteilung des Berlin Museums, die in den 1970er Jahren auf Initiative der Gesellschaft für ein Jüdisches Museum in Berlin e.V. eingerichtet wurde. Der Verein sah sich in der Tradition des ersten in Berlin gegründeten Jüdischen Museums, das nur wenige Tage vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 24. Januar 1933 in der Oranienburger Straße eröffnet worden war. Nach dem Novemberpogrom wurde es geschlossen und seine Bestände im Jahr 1938 von der Gestapo beschlagnahmt. Seitdem gilt das meiste als verschollen. Die Objekte, die sich heute im Jüdischen Museum befinden, kamen seit den 1970er Jahren entweder über Schenkungen oder Ankäufe ins Haus.
Weitere Stationen
Leipziger Platz
Palais Mosse

Für die Nationalsozialisten war die Familie Mosse ein Symbol der verhassten „jüdischen Presse“. Sie wurde unmittelbar nach der Machtübernahme wegen ihres jüdischen Glaubens und auch wegen ihrer politischen Haltung verfolgt. Rudolf Mosses Adoptivtochter und Erbin Felicia und ihr Mann Hans Lachmann-Mosse emigrierten noch in der ersten Jahreshälfte 1933 über Frankreich in die Vereinigten Staaten. Nach der Einziehung des Privateigentums der Familie Mosse begann 1934 über mehrere Antiquariatsbuchhandlungen auch der Verkauf der Bibliothek aus dem Palais Mosse am Leipziger Platz 15. Diese Bibliothek bestand (soweit bisher bekannt) fast ausschließlich aus der 1913 von Rudolf Mosse angekauften Bibliothek des Goetheforschers Erich Schmidt, der seine Bücher mit einem markanten Exlibris versah – gleichzeitig fast die einzige Provenienzspur zum geraubten Buchbesitz der Familie. Mosse ließ die Bibliothek im Erdgeschoss seines Palais aufstellen, engagierte einen Bibliothekar und machte sie ab März 1914 an vier Tagen der Woche für jeweils zwei Stunden unter Aufsicht öffentlich zugänglich. Heute steht an der Stelle des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Palais ein Neubau.
Villa Joachim (Palais Hatzfeldt), In den Zelten 10
Institut für Sexualwissenschaft

Das Institut für Sexualwissenschaft war ein privates Institut in Tiergarten, das 1919 von Magnus Hirschfeld gestiftet wurde, um wissenschaftliche Forschung zum Sexualleben zu fördern. Wegen der dort gesammelten sexualwissenschaftlichen Publikationen und Dokumente aller Art, aber auch der einschlägigen Vortrags- und Beratungsangebote war das Institut ein Anziehungspunkt im Berlin der „Goldenen Zwanziger“. Am 6. Mai 1933 plünderten ca. 100 Studenten das Institut. Gegen 3 Uhr nachmittags erschienen SA-Leute und setzten die Beschlagnahmung fort. Bei der Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Opernplatz wurde ein Großteil dieser Institutsbibliothek vernichtet. Der Rest der Bibliothek wurde im November 1933 über eine Zwangsversteigerung des Berliner Finanzamts zur Eintreibung nachberechneter Steuerschulden zerstreut. Die Zahl der aus der Bibliothek des Instituts vernichteten Bücher beträgt in etwa 10.000 Bände, nur vereinzelte Exemplare konnten bei Antiquariatsverkäufen oder in Bibliotheken identifiziert werden. Nicht einmal das von Hirschfeld erworbene und umgebaute Gebäude der ehemaligen Villa Joachim und zeitweiligen Palais des Fürsten von Hatzfeldt im Berliner Tiergarten an der Ecke Beethovenstraße 3 / In den Zelten 10 existiert heute noch. An das Institut erinnert nur noch eine Gedenktafel, die zum 75. Jahrestag der Institutsgründung 1994 in der Nähe des ehemaligen Standorts aufgestellt wurde.
Rütgershaus, Lützowstraße 33/36
Antiquariat Agnes Straub
Das Rütgershaus ist ein 1909 bis 1911 errichtetes Wohn- und Geschäftshaus an der Straßenkreuzung Lützowstraße / Genthiner Straße im Berliner Ortsteil Tiergarten. Am 1. April 1921 gründete Agnes Straub dort eine Buch- und Kunsthandlung. Ab 1925 führte sie ihr Unternehmen gemeinsam mit ihrem Ehemann Thomas, als verehelichte Agnes Graf. Als sie am 19. Februar 1937 starb, führte Thomas Graf das Antiquariat weiter, bis 1943 in Berlin, dann in Siebigerode (Harz). Restbestände des Antiquariats Straub wurden nach Grafs Tod 1951 an die Bibliothek der Akademie der Wissenschaften in Berlin verkauft und von dort weiterverteilt. Das Antiquariat Agnes Straub erwarb und verkaufte auch in der NS-Zeit geraubte Bücher. Über den Restbestand des Antiquariats gelangte so ein Album mit Glückwünschen von Politikern, Gelehrten, Künstlern und Literaten zum 70. Geburtstag des Berliner Zeitungsverlegers Rudolf Mosse in die Staatsbibliothek.Elsässer Straße 74 (Torstraße 164)
Städtische Pfandleihanstalt
Das Königliche Leihamt III wurde 1847 erbaut und erstreckt sich um zwei Innenhöfe von der heutigen Torstraße 164 bis zur Linienstraße 98. Das imposante Lagerhaus entstand im Zuge der intensiven baulichen Tätigkeit zu Beginn der Regierung Friedrich Wilhelms IV. Es diente zur Lagerung der verpfändeten Güter der dort ansässigen „kleinen Leute“. Ab 1940 wurde die städtische Pfandleihanstalt in der Elsässer Straße 74 (heute: Torstraße 164) genutzt, um geraubte Gegenstände von deportierten Jüdinnen und Juden zu lagern und an Händler, Auktionshäuser, Privatpersonen etc. zu verkaufen. Bücher wurden dabei auch von Bibliotheken erworben, so ca. 40.000 Bücher von der Berliner Stadtbibliothek. Die Verwaltungsabteilung der städtischen Pfandleihanstalt hatte ihren Sitz in der Jägerstraße 64.Am Köllnischen Park 4
Märkisches Museum
1874 als Märkisches Provinzialmuseum auf Initiative bürgerlicher Vereine und der Stadtverwaltung gegründet, bezog das Museum 1908 endlich einen eigenen, als Tageslichtmuseum konzipierten Neubau Am Köllnischen Park 4. Zuvor waren die durch Spenden stetig wachsenden kulturgeschichtlichen Sammlungen in wechselnden magistratsverwalteten Stadtpalais untergebracht gewesen. Im neuen Haus führte die systematische Aufarbeitung nun zu vielfältigen Ausstellungen zur Geschichte Berlins und der Mark Brandenburg. Mit Kriegsausbruch 1939 schlossen alle Berliner Museen: Zum Schutz vor dem drohenden Luftkrieg verlagerte auch das Märkische Museum zahlreiche Schätze in Flakbunker, in die Reichsbanktresore und außerhalb der Stadt. In den letzten Kriegstagen war das Museum von Kämpfen und Plünderungen betroffen, es verlor durch Brand sein Dach. Auch wenn das beliebte Märkische Museum, nun in der sowjetischen Besatzungszone gelegen, als zweites Museum der Stadt im März 1946 wieder provisorisch für Besucher öffnete: Der Wiederaufbau dauerte noch Jahrzehnte. Bei Kriegsende richtete der Magistrat Bergungsstellen ein, in denen das in Trümmern und verlassenen Häusern herrenlos aufgefundene Kulturgut gesammelt und an Museen und Bibliotheken weitergeleitet wurde (z.B. Breite Straße 11 ). Auch das Märkische Museum konnte als magistratsnahes städtisches Haus mit Hilfe solcher Überweisungen die durch Kriegsverluste entstandenen Sammlungslücken teilweise schließen. Viele dieser Objekte werden heute als „Fremdbesitz“ aufbewahrt, ist doch zu deren Herkunft oft nichts mehr bekannt.